Wir bauen ein Motorrad
Eine z750-Enduro entsteht
Ich bin 18, hab grad mal den Führerschein und eine CB 250 und bin für
abseits der Straßen angefixt durch die Honda XL 250 von Freund Dieter,
mit der wir in der Kiesgrube viel Spaß haben
Der Dieter steigt auf einen richtigen Crosser um, ich fahr weiter auf
Straße und bin aber, zuerst mit CB 250 und 500 Four und dann mit der B
auch abseits ausgebauter Straßen durchaus schmerzfrei.
Aber irgendwo ist mit der B dann doch Ende Gelände
Eine Enduro muß her!
Das Ersatzteilregal für die Kawa ist bestens gefüllt, wenn die Z 750 als Wettbewerbsmaschine taugt ...
... geht sie als Enduro mit Sicherheit auch.
Das ist die Projektidee
Ich fang zur Eigenmotivation erst mal mit einem Bildschirmschoner für meinen Firmencomputer an
...
... und überzeug Harald, einen ehemaligen Kollegen mit einem früheren
Job als Konstrukteur bei Kreidler, handwerklichem Geschick, einem
Schweißgerät und einer gut ausgestatteten Werkstatt, von meiner Idee.
Wir fahren gemeinsam nach Bad Oldesloe zu Rolf Witthöft, der 1978
auf seiner zur Geländemaschine umgebauten Z 750 die deutsche
Geländemeisterschaft gegen die Werks Truppe von BMW gewonnen hat.
Wikipedia über Rolf Witthöft
Witthöft zeigt uns seine Wettbewerbs - Z 750, wir fotografieren und
messen was das Zeug hält.
Es geht los
"Bessere Bremsen" meint der Meister, wären im Übrigen für
Straßenbetrieb durchaus eine Überlegung wert.
Nachdem wir jetzt wissen, Was wir wollen kommen wir zum Wie und ich
beschließen, die Fremdteile, Räder, Gabel, Bremsen, Elektrik, ..., damit
final dann auch alles zusammenpasst, nicht irgendwie zusammenzustoppeln
sondern von einem einzigen Modell zu nehmen.
Mit einem Rahmen vor 1980, hier von einer #78 B, hat der TÜV-Prüfer
aufgrund des Baujahrs Entscheidungsfreiheit, was an Umbauten er Willens ist
abzunehmen. Den Rahmen hat Neffe Manne, ein passender Motor liegt bei mir
in der Garage.
Für die Umbauteile auf Enduro geht's dann auf Teilesuche, was sich als gar nicht so einfach erweist.
KTM - GS - Teile, mit denen Witthöft seinerzeit die Kawasaki modifiziert
hat, sind nicht zu kriegen. "Den KTM-Schrott hat man einfach weggeschmissen".
Ich kuck mir verschieden Enduros an, die stabile Gabel der Suzuki gefällt
mir und irgendwann schiess ich, "3-2-1-meins" statt einer KTM GS eine DR 650
mit Motorschaden und Rahmenrost.
in der heimischen Garage steck ich alles mal provisorisch zusammen, flex
die Aufhängung fürs Zentralfederbein aus dem Rahmen der DR und schweiß sie
in ins Kawasaki-Rahmenheck, bau auch noch die DR-Schwinge samt Federbein
und Hinterrad rein und setz mich versuchsweise drauf.
Zack machts und meine Schweißung bricht :wallbash:
Das lass ich also lieber, so wird das nix, da muß der Profi Harald ran.
Und Zentralfederbein geht hinter dem langen Motor eh nicht, das bleibt
klassisch bei Twinshock. Sieht auch besser aus!
Gasdruckstoßdämpfer von einem Suzuki-Crosser gibt's in der Scheune
eines alten Bekannten, der auf Suzi mal Motocross gefahren ist.
Eine Harley-Sitzbank und zwei Termignoni Auspufftöpfe von einer
Ducati Monster find ich bei eBay und bei eBay Motors den originalen
KTM-Penton Kunststofftank aus den USA, ...
Eine Schwinge von einer KTM-GS find ich dann doch noch aber für die
ist der Umbauaufwand zu hoch. Und die in der Mitte, eine edle und rare
Aluschwinge von einer Kawasaki KLX, gibt's zwar leihweise zum Anschaun,
sonst aber weder für Geld noch für gute Worte
Was solls, nehmen wir halt die Kawasaki-Schwinge.
Wie wir das alles zusammenhaben machen wir Bestandsaufnahme,
Ideensammlung und Projektplan
Wenn ich schon nicht richtig schweißen kann, dann aber wenigstens
konstruieren: Mit CAD leg ich nach Feierabend an meinem Arbeitsplatz bei
einem Automobilhersteller die Fahrwerkshauptmaße fest.
Die Enduro braucht Bodenfreiheit, sie wird deshalb höher und die Federwege
werden vorne und hinten deutlich größer. Die DR 650-Gabel gibt das her,
hinten versetz ich die Anlenkpunkte der Stoßdämpfer auf der Schwinge nach vorn.
Weil das Hinterrad aber nach oben gegen das Rahmenheck nicht beliebig einfedern
kann, bewirken die größeren Federwege, daß die Schwinge schon in Grundstellung
im Drehpunkt soweit abknickt, daß die Kette oben am Lagerrohr anschleift.
So geht das nicht, ich versetz den Drehpunkt konstruktiv nach unten ...
... und Freund Werner bohrt auf der Fräsmaschine die neue Schwingenachslage
in den Rahmen, schweißt Buchsen rein und bohrt und reibt die dann noch mal
gemeinsam durch, damit die Achsaufnahme auch wirklich fluchtet.
Harald hat die per CAD festgelegten Grundmaße auf einer großen Metallplatte abgesteckt.
Auf der bauen wir das Ganze zusammen.
Oder genauer, Harald schweißt und schraubt den ganzen Tag und ich komm
dann nach Büroschluß abends und sag ihm an, was ich mir anders vorgestellt
habe. Das führt immer mal wieder zu interessanten und auch durchaus
emotionalen Diskussionen ...
... und wenn ich neben dem Job noch Zeit hab schraub ich auch mit. Betreutes
Schrauben quasi ...
Sechs Wochen später steht sie auf den Rädern. Harald, der Mann mit den
goldenen Händen, freut sich
Betankung für die allererste Probefahrt. Das geht auch ohne Sitzpolster
Ergebnis: Sie fährt stabil, schlingert, zumindest bei Landstraßentempo,
nicht und geht auch gut um die Kurven. Entweder kann man da gar nicht so
viel falsch machen :D oder unser Design ist so schlecht nicht. Was will
man erst mal mehr.
Der TÜV
Bevor wir ernsthaft angefangen haben war ich beim TÜV in Ludwigsburg um
das Projekt vorzustellen und die Abnahmeoptionen zu klären - Ok, man wird
sichs mal ansehen.
Als das Motorrad grob zusammengepunktet und -montiert ist laden wirs in
einen Sprinter und stellens beim TÜV vor. Der Häuptling und zwei seiner
Adjudanten schaun sichs eine halbe Stunde an, machen jede Menge Fotos und
geben uns das "Go" fürs Fertigmachen.
Weil der TÜV auch eine Leistungsmessung will gehen wir vor der Endabnahme
mal auf einen Prüfstand
Das Ergebnis, 35 PS am Hinterrad, ist eher ernüchternd. Da müssen wir noch
mal ran!
Vier Wochen später liefer ich das fertige Motorrad Montags Früh zwecks
Vollgutachten und Geräuschmessung beim TÜV ab, damit die Lokalen zuzüglich
eines Motorradspezialisten vom TÜV Stuttgart sich einen Tag lang damit
beschäftigen können.
Wie ich Dienstags wiederkomme dann die Überraschung. "... Sie haben zu viel
geändert, das schauen wir uns so gar nicht an ..." Schock! Diskussion in der
Situation zwecklos, ich erbrech mich innerlich, lad wieder auf und geh.
Was nun? Ich frag diesen und jenen, recherchier im www und gras diverse
‚Bastelläden‘, die sich mit Umbauten beschäftigen, ab. Finden tu ich erst mal
nichts aber immerhin ruft mich einer an, der von uns gehört hat und einen
Käufer für eine B3 mit wenig Kilometern, Originalzustand plus Konis und
Doppelscheibe, sucht. Hilft mir zwar für die Enduro nicht weiter aber wir
kommen ins Geschäft – Trostpreis!
In Heilbronn hab ich bei einen Yamaha-Händler ein paar Kleinteile für
meine TX bestellt. Der motzt auch Enduros auf und wie ich Freitag Vormittags
meine Teile abhol nehm ich die Projektbeschreibung, Fotos und ein paar
Excel-Berechnungen zur Übersetzung mit und frag ihn, ob er eine Idee bezüglich
TÜV hat. "Früher" sagt er "gabs beim TÜV in Brackenheim Einen, der was von
Umbauten verstanden hat, aber das ist schon eine Weile her..."
Brackenheim liegt jetzt nicht direkt an meinem Heimweg, aber wenn ich
schon mal unterwegs bin ...
Um kurz nach elf find ich die kleine Prüfstelle im Nebengebäude einer
Tankstelle, sprech mit dem Prüfer und zeig ihm die Unterlagen. "Um mit
der über den Acker zu fahrn braucht ihr doch keinen TÜV".
Als er sieht, daß es mir ernst ist meint er, ich könne ja mal mit dem
Motorrad vorbeikommen. Und weil er Freitags bis 14:30 arbeitet steh ich gute
anderthalb Stunden später mit dem Motorrad auf dem Hänger wieder bei ihm. Und
fahr nach einer Stunde, um 100 Euro ärmer, mit einem Vollgutachten wieder heim.
Jetzt aber :P
Die ersten Tests
Dann die erste große Ausfahrt
Noch funktioniert nicht alles wies soll. Aber hier hängt nur die Düsennadel
zu hoch, der Motor überfettet und zieht über 2.000 m Paßhöhe keine Wurst vom
Teller. Das lässt sich auch unterwegs beheben.
Und das ist kein Totalschaden, nur der Austausch des wegen bei der Montage
vergessener Fettung blockierten oberen Lenkkopf-Kegelrollenlagers auf einem
französischen Campingplatz. Da fischt zu meiner großen Überraschung und
Erleichterung tatsächlich der örtliche Quad-Reparateur das passende Lager
aus seiner Kruschtelkiste :headbang:
Reparieren oder vielleicht doch einfach anzünden? Ilona und Ulf sind
sich da offensichtlich nicht einig.
Aber sonst alles im grünen Bereich
Wieder Zuhaus wird alles nochmal zerlegt und dann final lackiert und
pulverbeschichtet
Die Stoßdämpfer brauchen noch zwei zusätzliche Sicherungsringnuten für
eine andere Federvorspannung. Werner spannt den Dämpfer samt Ausgleichsgehäuse
ganz pragmatisch auf der großen Drehbank und macht die rein.
Die Erprobung und Optimierung geht im Fahrbetrieb weiter. Sie ist ein bißchen
lahm, der Leistungsprüfstand hat ja auch nur 35 PS ausgeworfen. Eigentlich kein
Wunder, die beiden hochgelegten Krümmer wickeln sich um das untere Ende des
serienmäßigen Kunststoff-Luftfilterkastens, das ich wegen der zu erwartenden
Temperaturen in weiser Voraussicht durch ein Stück Ofenrohr ersetzt hab, und
heizen die Ansaugluft entsprechend vor.
Gut für den Kaltstart, schlecht für die Leistung im Normalbetrieb. Als Abhilfe
änder ich den Luftfilterkasten und die Krümmerführung.
Der Luftfilter muß unten weg. Das geht nur, wenn er oben horizontal liegt
anstatt senkrecht zu stehen. Heißt, ich brauche einen anderen Luftfilterkasten.
Aus einem Pappmodell ...
... wird eine CAD-Konstruktion
Und aus der macht der 3D-Drucker schließlich den neuen Kasten.
Die Krümmer gehen jetzt, mit einem Abschirmblech dazwischen, unter dem
Luftfilterkasten durch.
Kann man durchaus anschaun Und es funktioniert!
Na ja, an der Stelle gabs dann später noch ein wenig Dampfblasenbildung.
Sind sicher nur der Klimawandel und heiße Sommer, nicht etwa die recht
enge Verlegung der Krümmer an den Vergaserschwimmerkammern dran schuld.
Aber auch das ist behoben.
Die Fußrasten müssen, stellt sich bei ersten Steilauffahrten raus,
weiter nach hinten weil ich, in den Rasten stehend, sonst mit dem Bauch
am Lenker ansteh bzw. in Rückenlage wie eine tote Fliege am Lenker hänge.
Die Kettenspannrolle zerlegt sich mangels passender Lagerung in Teile und
wird durch eine Kettenführung ersetzt. Der Motor bekommt statt des schlecht
zu verlegenden Kupplungszugs eine hydraulische Kupplungsbetätigung und
statt des Fünfgang- ein Sechsganggetriebe. Und, und, und ... es gibt noch
eine ganze Weile was zu tun.
Aber sonst fahr ich einfach
Bisher knapp 50.000 km
Na ja, meistens.
Ab und zu muß noch ein bißchen nachgebessert werden. Erst unterwegs,
in Albanien muß das wegen unzureichender Verstrebung abgebrochene Rahmenheck
wieder angeschweißt werden ...
... und dann gleich noch mal zuhaus. Da muß jetzt Harald noch mal ran und
zwei Stützstreben fürs Heck, die wir vor 15 Jahren weggelassen haben, einschweißen
Aber sie sieht doch richtig gut aus, oder?
Und fahren tut sie einfach klasse!
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